Digitaler Garten

202202160715

Ein [digitaler] Garten ist eine Sammlung von sich entwickelnden Ideen, die nicht strikt nach Veröffentlichungsdatum organisiert sind. Sie sind explorativ -- die Notizen sind durch kontextuelle Assoziationen verlinkt. Sie sind nicht fertig oder vollständig - Notizen sind halbfertige Gedanken, die über die Zeit wachsen und sich entwickeln werden. Sie sind weniger starr und ausgearbeitet als die persönlichen Webseiten, die wir gewohnt zu sehen sind. (Meine Übersetzung)1

Mike Caulfield hat zwischen Strömen (Streams) und Gärten unterschieden.[#caufield2015] Dabei ist der Begriff "Strom" im Sinne eines Bewusstseinsstroms oder eines Unterhaltungsverlaufs. Die auszeichnende Eigenschaft ist dabei die Sequenz und die zeitliche Anordnung von Texten. Blogs oder Twitter sind paradigmatische Beispiele für Stromartiges. Gärten sind dagegen systematisch organisiert.

Dabei ist das damit verbundene Verhalten entscheidend: Ströme legen den Schwerpunkt auf die Gegenwart.1 Vergangenes wird schnell vergessen. Vergessen gehört zu den *Fähigkeiten, die nötig sind, um mit dem Fließen der Gedanken und Worte, fertig zu werden. Jeder individuelle Gedanke, Post, oder Text erhält seine Relevanz durch seine Aktualität. Ein digitaler Garten ist dagegen ein Ort, den man immer wieder besucht.

Während Ströme uns durch ihre Zeitlichkeit wegspülen, dienen Gärten unserer Erdung: Wir kehren immer wieder zu ihnen zurück, um sie zu pflegen.

Begriffsgeschichte

Der Begriff lässt sich frühstens auf Mark Bernsteins Essay Hypertext Gardens von 1998 zurückdatieren.21

Er war Teil der frühen und explorativen Debatte darum, was mit dem Hypertext anzufangen sei.1

vgl. https://github.com/MaggieAppleton/digital-gardeners#readme für eine vollständige Übersicht.

Prinzipien des digitalen Gartens

Vorbemerkung: Die Prinzipien des digitalen Gartens sind Verhaltens- und Gestaltungsempfehlungen.

  1. Systematisch und nicht chronologisches Organisieren. Organisiere deinen systematisch. Führe keinen Blog, sondern ein Wiki oder noch besser: Eine Homepage.1
  2. Kontinuierliche Pflege. Alles, was du schreibst, ist nicht als fertiges Endprodukt gemeint. Alles ist Zwischenprodukt und wird kontinuierlich gepflegt und überarbeitet.1
  3. Offener Umgang mit Fehlerhaftigkeit. Weil alles noch im Entstehungsprozess ist, solltest du den Stand der Entstehung ebenfalls veröffentlichen. Beispiele sind: Status-Schlagworte wie "Rohfassung, Entwurf, Manuskript, Fertig" oder Zuverlässigkeitsbewertung der Informationen von 1-10.1
  4. Persönlich und verspielter Umgang. Ernsthaftigkeit führt nur zu Konflikt, weil dann das Ergebnis zu einer persönlichen Bewertung führt. Man wird zum Avatar eines Standpunkts: Vertritt man einen "falschen" Standpunkt wird man als Avatar abgelehnt. Persönlicher und verspielter Umgang kehrt dies wieder um: Man ist ein Mensch, der mit verschiedenen Gedanken spielt.1
  5. Alle Medien werden berücksichtigt. Der digitale Garten berücksichtigt auch Videos oder Beiträge auf Social Media. Der Inhalt zählt und nicht sein Medium.1
  6. Unabhängigkeit. Besitze deine geistigen Inhalte und lass dich nicht auf Social Media einsperren.1

  1. Maggie Appleton (2020): A Brief History & Ethos of the Digital Garden. 

  2. Mark Bernstein (1998): Hypertext Gardens.